Editorial

Bis zu 30 Grad Celsius: minus oder plus?

Gehe ich recht in der Annahme, dass wir jeweils ab dem 21. Juni von «Sommer» reden? Das Thema mag für mein Editorial banal sein, aber es beschäftigt mich als etwas kritischen Sprachmenschen punktuell doch sehr. Während der Entstehung der Sommerausgabe der Gazzetta stehen wir noch mitten im Frühling, aber überall ist zu hören und zu lesen: «Der Sommer kehrt zurück.» Ja, wo war er denn vorher? Hat er sich etwa frech eingenistet im Frühling? Und dieser konnte ihn nicht daran hindern, auszubrechen? Welche Naturgewalt auch immer dahinterstecken möge, egal, ob es noch einmal Schnee gegeben hat oder gar Sahara-Sand über die Lande gefegt ist, heute, an meinem Editorial-Schreibtag, ist laut Kalender immer noch Frühling. Punkt.

Und wissen Sie was? Ich missachte für einmal die Jahreszeiten, bin so frei und bringe aus voller Überzeugung in der Sommer-Gazzetta ein abkühlendes Bild. Damit liege ich voll im Trend. Sommerausgabe mit dem kältesten Bild der Welt: Nordpol, bis minus 35 Grad Celsius. Eine Ärztin und ein Arzt aus dem USB mit einer äusserst erwärmenden Geste. Alle, die vielleicht gerade in diesem Lesemoment heisse Celsius-Grade erdulden müssen, springen bitte direkt auf Seite 24, am besten noch mit einem eisgekühlten Getränk in Reichweite. Folglich wünsche ich Ihnen angenehme Lektüre bei für Sie wohltuenden Temperaturen – nicht zu heiss, nicht zu kalt – und einen Sommer, der sich dann nicht bereits in den Herbst verabschiedet hat.


Ihre Gina Hillbert


Ein weiches Herz

Herzkissen für Brustkrebspatientinnen

Nataliya Iqbal näht unentgeltlich Herzkissen für Brustkrebspatientinnen, die im Universitätsspital Basel behandelt werden. Die gelernte Schneiderin verfügt nicht nur über die dafür notwendigen Fertigkeiten, sondern bringt eine weitere wichtige Eigenschaft mit: Sie ist beherzt. Spätestens, seit sie selber betroffen ist.

Die Lebensgeschichte von Nataliya Iqbal geht einem ans Herz. Beim Erzählen bekommt sie stellenweise feuchte Augen. Die auf ersten Eindruck so kräftig wirkende, humorvolle Frau hat sehr belastende Jahre hinter sich. Als sie endlich ihr privates Glück findet, die drei Kinder aus einer nicht einfachen, inzwischen geschiedenen Ehe aus dem Gröbsten herausgewachsen sind, die neue Ausbildung und dadurch die Rückkehr ins Berufsleben begonnen hatten, wurde bei ihr Eierstockkrebs (Ovarial-CA) im 1. Stadium diagnostiziert. «Ich habe mich schrecklich gefühlt. Und als es hiess, es ist Krebs, habe ich noch im Untersuchungszimmer laut geschrien: Das bin nicht ich!» Das war in ihrem Schicksalsjahr 2013.

Wenn das Herz vor Schock stehen bleibt

Nataliya Iqbal erzählt in groben Zügen. Es ist spürbar, dass sie diese Zeit und die zahlreichen schwierigen Stunden nicht vergessen kann. Und sie hervorzuholen, in Worte zu kleiden, ist immer wieder schmerzhaft. Der Weg ist schwer und noch weit: Nach der Chemotherapie stimmt sie einem genetischen Test zu, der ans Tageslicht fördert, dass bei ihr die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu erkranken, sehr hoch ist. Sechs Monate später werden ihr in einer 14 Stunden dauernden Operation beide Brüste entfernt und rekonstruiert. «Mein Bauchgefühl sagte mir damals: Mache das. Ich war nach der Operation so kaputt, aber ich dachte, jetzt ist alles vorüber, jetzt ist alles sauber und du kannst weiterleben.» Aber noch während des langwierigen Heilungsprozesses bleibt ihr das Herz erneut stehen: Eine Laboruntersuchung hat ergeben, dass sie Metastasen im Bauch hat. Es folgen Bestrahlungen über einen Monat hinweg. «Ich war danach körperlich sehr geschwächt und auch meine Psyche hat sich verschlechtert trotz regelmässiger Termine bei der Psychologin. Ich hatte so viele Ängste entwickelt bis hin zu Phobien. Ein Klinikaufenthalt mit psychiatrischer Betreuung half mir dann wieder auf die Beine.» Heute sagt sie, sie hätte einen zweiten Geburtstag zu feiern.

«2013 habe ich dieses schöne Kissen von Andrea Imgraben, einer Breast Care Nurse im Unispital, bekommen mit den Worten: ‹Sie sind nicht allein. Sie dürfen immer nach mir fragen, wenn etwas ist, jederzeit.› Das war sehr berührend für mich. Bis heute begleitet mich mein Herzkissen.»

Nataliya Iqbal ist damals 38 Jahre alt, hat nach der Notoperation nicht nur einen Riesenschnitt am Bauch, sondern muss nebst Anderem die schlagartig eingetretene Menopause verkraften. Ein totaler Schock. Sie fragt sich, was ist mit meinem Körper los? Was geschieht mit mir? «Es war für mich die Hölle.» Die gute Nachricht: Bei der Operation konnte alles Bösartige entfernt werden. Die Ärztin empfiehlt dennoch Chemotherapie zur Sicherheit. Danach verliert Nataliya Iqbal nicht nur ihre Haare, sondern auch das Gefühl in den Fingerspitzen. Sie ist nicht mehr fähig, eine Nähnadel zu halten, geschweige denn einzufädeln. Wie soll sie die so geliebte Handarbeit je wieder ausführen?

Und das Herzkissen?

«Es war immer bei mir und hat Unglaubliches ausgelöst. Ich fühlte mich tatsächlich nicht alleine. Das Kissen gab mir vom ersten Moment an das Gefühl, angenommen zu werden, so wie ich bin, mit meiner Krankheit Krebs. Das war in dieser Phase für mich sehr wichtig.»

Das Kissen, das sich alle Patientinnen, die im Brustzentrum des Unispitals Basel behandelt werden, aussuchen können, legen sie sich unter oder an die Brust. Es hilft beim Schlafen, aber das herzförmige Kissen unterstützt erwiesenermassen auch psychisch. Nataliya Iqbal hat dies am eigenen Körper erfahren. Und als die heute 43-Jährige vor einem Jahr angefragt wurde, ob sie unentgeltlich Herzkissen nähen würde, sagte sie sofort zu und machte sich ans Werk. Diese kreative Betätigung kommt ihr sehr entgegen, nicht nur von Berufs wegen. «Das Nähen ist für mich Therapie. Inzwischen haben sich auch meine Handnerven soweit regeneriert, dass ich wieder mehr Gefühl in meinen Fingern habe und die Feinmotorik auch besser funktioniert. Durchschnittlich nähe ich fünf Herzkissen pro Woche und bringe sie regelmässig den Breast Care Nurses. Das ist jedes Mal ein freudiges Zusammentreffen. Ich bin ja schon seit fünf Jahren Gast im Unispital (lacht).»

Fünf Kissen pro Woche … So viele Frauen sind betroffen. Das geht einem ans Herz. Ein weiches Herz, aber auch ein starkes, worauf steht: Gib nicht auf!


Prof. Viola Heinzelmann-Schwarz, Leiterin Frauenklinik, Chefärztin Gynäkologie und Gynäkologische Onkologie, Chefärztin Gynäkologisches Tumorzentrum, zu den Herzkissen:

«Es hat mich sehr bewegt, als ich herausgefunden habe, dass meine Ovarialkarzinom-Patientin Nataliya Iqbal seit über einem Jahr für Brustkrebspatientinnen Herzkissen näht. Es zeigt so eine Grösse und Freigebigkeit anderen betroffenen Patientinnen gegenüber. Es zeigt aber auch, wie jede und jeder mit kleinen Mitteln etwas Grosses bewirken kann. Von einem Universitätsspital erwartet man im Allgemeinen nur Wissenschaft und Lehre, internationale Vernetzung und Studien. Dennoch passieren hier viele kleine und persönliche Begegnungen und Gesten, von denen man zu wenig weiss, die aber für Patientinnen oft einen ungleich höheren Stellenwert darstellen. Das muss eine grössere Beachtung im Klinikalltag haben, soll herausgehoben und gelobt werden. Ich habe grösste Achtung vor der Arbeit von Frau Iqbal und danke ihr sehr für den Einsatz zugunsten unserer Patientinnen.»

Andrea Imgraben, Breast Care Nurse:

«Herzkissen – ein Zeichen der Verbundenheit. Herzkissen sind nicht einfach nur Kissen in Herzform – Herzkissen sind etwas ganz Besonderes. Sie sind zuallererst ein Zeichen der Verbundenheit von Frau zu Frau: Denn Herzkissen sind ein Geschenk von Frauen für andere Frauen, die an der Brust erkrankt sind. Die seelische Betroffenheit und die Bewältigung allerdings hinterlassen bei vielen Frauen ein Gefühlschaos. Da ist das Herzkissengeschenk ein willkommenes Zeichen der Solidarität, denn es tut einfach gut, erfahren zu dürfen: «Ich bin nicht allein und andere denken an mich». Aber Herzkissen können noch mehr: Sie lindern auch die körperlichen Schmerzen und Einschränkungen, welche als Folge der chirurgischen Entfernung des Tumors und auch der Achsellymphknoten, beim Liegen und beim Lagern des Arms der betroffenen Seite entstehen. Die besondere Form des Herzens mit den «langen Ohren» sorgt für eine willkommene Entlastung dort, wo es am meisten schmerzt: Leicht unter die Achseln geklemmt, bringt das Herzkissen den Arm in eine schmerzarme Position, erleichtert damit viele Bewegungen und Positionen und kann unter anderem auch beim Autofahren dazu beitragen, den Auflagedruck des Sicherheitsgurtes zu vermindern.
Die Herstellung dieser Kissen (aus gespendetem Stoff und Füllmaterial eines grossen schwedischen Möbelhauses) nach einem besonderen Schnittmuster ist Handarbeit, welche freiwillig und unentgeltlich mit grossem Engagement von Frau Iqbal geleistet wird. Anschliessend werden die Kissen von uns Breast Care Nurses an die Patientinnen abgegeben.»



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