Editorial

Bis zu 30 Grad Celsius: minus oder plus?

Gehe ich recht in der Annahme, dass wir jeweils ab dem 21. Juni von «Sommer» reden? Das Thema mag für mein Editorial banal sein, aber es beschäftigt mich als etwas kritischen Sprachmenschen punktuell doch sehr. Während der Entstehung der Sommerausgabe der Gazzetta stehen wir noch mitten im Frühling, aber überall ist zu hören und zu lesen: «Der Sommer kehrt zurück.» Ja, wo war er denn vorher? Hat er sich etwa frech eingenistet im Frühling? Und dieser konnte ihn nicht daran hindern, auszubrechen? Welche Naturgewalt auch immer dahinterstecken möge, egal, ob es noch einmal Schnee gegeben hat oder gar Sahara-Sand über die Lande gefegt ist, heute, an meinem Editorial-Schreibtag, ist laut Kalender immer noch Frühling. Punkt.

Und wissen Sie was? Ich missachte für einmal die Jahreszeiten, bin so frei und bringe aus voller Überzeugung in der Sommer-Gazzetta ein abkühlendes Bild. Damit liege ich voll im Trend. Sommerausgabe mit dem kältesten Bild der Welt: Nordpol, bis minus 35 Grad Celsius. Eine Ärztin und ein Arzt aus dem USB mit einer äusserst erwärmenden Geste. Alle, die vielleicht gerade in diesem Lesemoment heisse Celsius-Grade erdulden müssen, springen bitte direkt auf Seite 24, am besten noch mit einem eisgekühlten Getränk in Reichweite. Folglich wünsche ich Ihnen angenehme Lektüre bei für Sie wohltuenden Temperaturen – nicht zu heiss, nicht zu kalt – und einen Sommer, der sich dann nicht bereits in den Herbst verabschiedet hat.


Ihre Gina Hillbert


Universitätsspital Basel

goes North

Unser Ziel «Ski the last degree». Konkret bedeutet das: in circa zehn Tagen auf Skiern zum Nordpol, beginnend exakt am letzten Breitengrad. Mit im Gepäck – die USB-Flagge.

Fünf Tage vor der Abreise kam die Nachricht, dass unsere Expedition, auf welche wir uns fast ein Jahr lang vorbereitet hatten, möglicherweise nicht stattfinden würde. Grund dafür waren nicht vorhandene Fluglizenzen. Eine Verschiebung der Reise, nicht zuletzt wegen der sehr kurzen Saison von nur vier Wochen, zu welcher der Nordpol «begehbar» ist, erschien kaum realisierbar. Doch wir sollten Glück haben. Und konnten nicht zuletzt auch dank der Flexibilität unserer Kliniken – der Gefäss- und Transplantationschirurgie und der Spinalen Chirurgie – unsere Reise mit 12-tägiger Verspätung doch noch antreten.

Die Anreise führte uns von Zürich über Oslo nach Longyearbyen (Spitzbergen). Hier galt es, die letzten Expeditionsvorbereitungen zu treffen. Alles musste stimmen. Fehler und ein Fehlen von Ausrüstung kann man sich in der Arktis nicht erlauben. Unterstützung von der Aussenwelt ist nicht in jedem Fall gewährleistet, und man sollte sie nur im absoluten Notfall in Anspruch nehmen. Eine Notevakuation kostet ungefähr 100’000 Franken.

Jeder Teilnehmende ist auf sich alleine gestellt, das heisst die gesamte Ausrüstung wie Zelt, Schlafsack, Proviant (pro Tag ca. 5’000 kcal), Kocher etc. wird im eigenen Schlitten verstaut. Diesen muss man dann auch selbst ziehen. Fertig gepackt wiegt so ein Schlitten circa 70 kg.

Das Abenteuer konnte beginnen. Von Longyearbyen führte ein 3-stündiger Flug mit einer Antonov nach Camp Barneo. Die Landung erfolgte auf dem Eis. Camp Barneo ist der Ausgangspunkt für Wissenschaftler, Nordpolmarathonis und Nordpoltouristen (wie wir). Er wird jedes Jahr aufs Neue auf dem Packeis in der Nähe von 89 ° Nord eingerichtet. Danach folgte ein Helikopterflug exakt zum 89. Breitengrad.

Die letzten 120 km absolvierten wir auf Skiern, immer den Schlitten im Schlepptau. 24 Stunden Sonnenschein und eine grandiose Schnee- und Eislandschaft machten das Ziehen der Schlitten und die Temperaturen bis zu –35 °C schnell vergessen. Dank Teamwork, wie wir sie von unserer Arbeit am USB her kennen, erreichten wir glücklich und wohlbehalten unser Ziel mit der USB-Flagge.


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