Editorial

Auf der Suche nach dem roten Faden

Dieser Ausdruck kommt aus dem Bereich des Webens, wo man keinen Faden verlieren durfte. «Seit alter Zeit wird das Erzählen mit der Textilherstellung und -bearbeitung assoziiert, weil das Weben Zeit zum episch breiten Darstellen und Wiedergeben von Sachverhalten bot.» (Wiki) Aha! Text und «textil» sind folglich eng miteinander verwoben.

Und schon habe ich den (roten) Faden dieser Gazzetta-Ausgabe gefunden: Erzählungen und Geschichten zum Leben, das am seidenen Faden hängen kann, zu scheinbaren Zufällen und zu geflochtenen Bildern über Schmerzen, Wunden und Verwundung. Beiträge, die zeigen: Man soll den Faden immer wieder aufnehmen, auch wenn man zeitweise glaubt, ihn verloren zu haben.

Aber bevor Ihnen der Geduldsfaden reisst und ich zu langfädig werde, beende ich mein Editorial und lasse Sie gerne eintauchen in das neue Textgeflecht.


Ihre Gina Hillbert

Der Aufhänger – ist ein Bild

Lukas Rapold, der bildschaffende Sicherheitsmann

Ein schlichtes, ergreifendes oder ein schlicht ergreifendes Bild, welches im Klinikum 2 gegenüber dem Kiosk hängt. Es fügt sich perfekt in die Spitalwand ein, wird zum Fenster und gleichzeitig zum Innenspiegel. Kommt darauf an, wo man steht, was man sieht.

Vielleicht geht man unachtsam daran vorbei, beachtet es nie, oder man bleibt daran hängen und verweilt. Die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Die Diskussionen um die Frage «Wann ist ein Bild ein Bild?» unendlich und nicht wirklich erbauend. Wenn ein Bild wirkt, Bilder zulässt, dann hat es in diesem öffentlichen Raum seine Existenzberechtigung und ist mehr als nur Wandverzierung in einem Gebäude, wo Leid, Schmerz, Angst, Hoffen und Bangen, Verwundung und Heilung stockwerkweise aufgeschichtet sind.

Wer schichtet denn nun die Mischung aus Farbe und flüssigem Metall lasurartig x-fach aufeinander? Wer schneidet in einer «Nacht- und Nebelaktion» die Leinwand der Länge nach durch, verwundet sie, bemalt später die Schnittfläche, die sich unvorhersehbar von alleine nach aussen wendet, in einem wunderbar leuchtenden Kupferton? Der Bildner heisst Lukas Rapold. Er, der die Leinwand als «gleichwertigen Partner» bezeichnet, hat «Die Verwundung» geschaffen. Nicht nur eines seiner Bilder hängt im Klinikum 2, das USB ist auch nebenberuflich seine Wirkungsstätte. An Wochenenden ist er in den Schichtdienst als Sicherheitsmann eingeteilt, vorwiegend im Notfallzentrum.

1966 geboren, beendete Lukas Rapold seine Schulzeit mit der Maturität, die er 1987 an der Klosterschule Engelberg erreichte. Das anschliessende Studium der Philosophie, Ethnologie und der Kunstgeschichte beendete er nach vier Jahren, um sich in vollem Umfang der Malerei zu widmen. Reisen nach New York, den Philippinen, Italien und Frankreich beeinflussten seither seine kreative Arbeit.

Durch zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland erfreut er ein wachsendes Publikum mit seinen Werken. Auf internationales Interesse stiess im Sommer 2001 sein Beitrag im Namen der Schweizer Banken zum 50-jährigen Bestehen des «Centro Svizzero» in Mailand.

Zuerst die Arbeit, …

Ich male ein Wortbild von einem vielseitig begabten Mann. Lukas Rapold auf seine künstlerische Ader zu reduzieren, wäre an ihm vorbeiskizziert. Eines seiner Lebensbilder zeichnet ihn aus als Mediator, dessen Aufgabe es ist, bei uns im Notfallzentrum – diesem hochsensiblen Bereich – Personen, insbesondere das Personal, zu schützen. Patienten, die den Notfall aufsuchen, befinden sich oft in Ausnahmesituationen: Gefühle der Unsicherheit, Hilflosigkeit, Schmerzen, Angst machen sich breit. Stress und Aggression sind mitunter die Folge. Stehen Patienten zudem unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen, drohen manchmal harmlose Situationen zu eskalieren. Ein zu langes Wartenmüssen beispielsweise kann das Fass zum Überlaufen bringen. Da braucht es ein Sicherheitskonzept und Sicherheitsleute, welche das Personal und den Aggressor vor sich selber schützen.

Lukas Rapolds Auftrag ist es, in jeder Situation verhältnismässig vorzugehen. So vermeidet er jede physische Handlung. «Eine gute Sicherheitsperson weiss, was sie darf. Man muss immer für zwei Personen denken – für den Aggressor und für sich selber. Es entscheidet sich in den ersten Sekunden, wohin die Situation kippt. Ein guter Umgang mit der eigenen Angst und gesundes Selbstvertrauen muss vorhanden sein, um dieser Aufgabe gerecht zu werden.» Es sei zudem wichtig, an Extremsituationen mit einer gewissen Selbstverständlichkeit heranzugehen. Dazu greift der Sicherheitsmann auf bewährte Mediationstechniken zurück und auf einen grossen Erfahrungsschatz. Gerade im Notfallbereich, wenn es besonders schnell gehen muss, komme das Pflegepersonal plötzlich in heikle Situationen. Das Aufschneiden einer Jeanshose bei einer Beinverletzung zum Beispiel kann zum Problem werden. Dann ist es gut, wenn eine Sicherheitsperson in der Nähe ist und die Gemüter beruhigt. Das Personal schätze diese Präsenz sehr. Und Lukas Rapold fühlt sich ebenfalls wohl an seinem Einsatzort. Er ist bestens integriert, auch wenn er nicht zum Stamm des USB-Sicherheitsteams gehört.

… dann das Bild

Der Kunstschaffende Lukas Rapold hat die Leinwand als dritte Dimension für sich entdeckt. Sie liefert ihm genügend Experimentierstoff für seinen puristischen Ansatz. Er will das Schlichte, das Einfache, Reine visualisieren. Das, was wir spüren, wenn wir ganz nach innen gehen. Das Leinen ist wie ein Körper. Es lässt sich bemalen, zerschneiden, wieder zusammensetzen.

Das Unispital hat sich «Die Verwundung» ausgesucht, ein Bild, welches die klaffende Wunde von ihrer schönen Seite zeigt: glänzend, strahlend, präzise geschnitten. «Es spielt keine Rolle, was es ist», so Rapold, zum Bildtitel befragt.

«Als kreativ arbeitender Mensch hat man die Möglichkeit, verschiedene Wahrheiten zu schaffen. Die Wahrheit hat mindestens zwei Seiten.»

Wenn etwas von innen aufbricht, kann dies wertvoll sein. Es gibt auch schmerzhaft Schönes.

Der Schnitt verändert alles

Die Leinwand, also der Bildträger, besteht aus gewobenen Fäden. Diesen Stoff mit der Schere zu zerschneiden, ist wie ein «Zurück zu den Fäden», zu den Grundlagen, den elementaren Bausteinen der Leinwand. Was Lukas Rapold beim ersten Schnitt erstaunte: Es bleibt nicht beim Schnitt, sondern die geschnittenen Leinwandstreifen drehen sich. Die Leinwand wird aktiv und beginnt zu leben. Aus einer ebenmässigen, ehemals ruhigen Fläche wächst eine neue Dimension heraus. Das Innenleben wird sichtbar, zeigt sich dem Betrachtenden.


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