Text: Alina Hoppe, Fotografie: Pino Covino
«Allergien sind keine Bagatelle»
Frühling bedeutet für viele Menschen: Niesen, juckende Augen, Erschöpfung. Prof. Karin Hartmann, Leiterin der Allergologie am USB, erklärt, warum Heuschnupfen mehr ist als ein saisonales Leiden.
Bleibt Heuschnupfen unbehandelt, können neben den akuten Beschwerden langfristige Folgen entstehen. Bei Kindern ist gut belegt, dass sich Heuschnupfen zu Asthma entwickeln kann. Bei Erwachsenen gehen wir von einem ähnlichen Risiko aus.
Pollen gelangen auf Schleimhäute und Haut und aktivieren Immunzellen, die eine Entzündung auslösen. Diese wirkt nicht nur lokal, sondern im ganzen Körper. Neben typischen Symptomen wie Niesen und Atembeschwerden treten oft Augenreizungen auf. Mögliche Folgen sind chronische Entzündungen der Nebenhöhlen oder Ohren, chronischer Husten sowie Asthma. Studien deuten zudem auf ein erhöhtes Risiko für weitere Erkrankungen, einschliesslich Autoimmunerkrankungen, hin.
Genau das ist das Paradoxe. Eine Erklärung: Wer kontinuierlich mit Allergenen in Kontakt ist, entwickelt eher eine Toleranz. In der Stadt ist die Exposition oft unregelmässiger und damit heftiger. Dazu kommt die Luftverschmutzung: Dieselpartikel können sich mit Pollen verbinden und die allergische Reaktion verstärken. Und dann ist da noch der Klimawandel: Wärmere Sommer bedeuten längere und intensivere Pollensaisons.
Mehr als viele denken. In der Diagnostik können wir heute die spezifischen IgE-Antikörper gegen einzelne Allergenbestandteile sehr genau nachweisen. Das erlaubt uns eine viel präzisere Beratung als früher. Therapeutisch kann zunächst die Entzündung behandelt werden, zum Beispiel durch Kortison-haltige Nasensprays oder durch Antihistaminika. Wenn diese Therapie nicht ausreicht, kann das Immunsystem im Rahmen einer allergenspezifischen Immuntherapie schrittweise an das Allergen gewöhnt werden. Früher gab es das nur als Spritze, heute sind auch Tropfen oder Tabletten verfügbar, was die Anwendung deutlich einfacher und flexibler macht.
Wir sind die grösste Allergologie in der Region. Das bedeutet: Wir sehen viele Patientinnen und Patienten, und aus dieser Masse entstehen Erfahrung und Erkenntnisse. Wir arbeiten eng mit anderen Disziplinen wie Pneumologie, HNO, Dermatologie, Immunologie, Gastroenterologie und Psychosomatik zusammen. Zudem sind wir in der Forschung sehr aktiv. Wir ergründen die Ursachen der allergischen Krankheiten, erfassen Daten in Registern und führen viele klinische Studien durch. Und wir bilden aus. Wissen weiterzugeben, ist genauso wichtig wie die Forschung.
Nein, tatsächlich nicht. Die meisten Allergologinnen und Allergologen sind selbst betroffen. Ich bin wirklich über die Forschung, über das Interesse an den komplexen Pathomechanismen in dieses Gebiet gekommen. Dass eine lokale Reaktion den ganzen Körper in Aufruhr versetzen kann – das finde ich nach wie vor unglaublich faszinierend. Und je mehr wir verstehen, desto gezielter können wir helfen.