Interview: Annick Wangler, Fotografie: Kostas Maros
«Mit künstlicher Intelligenz wird die Behandlung persönlicher»
Ein KI-Assistent erstellt in der Urologie innerhalb von Sekunden Patientenberichte. Entwickelt wurde er von Dr. Maurice Henkel mit seinem Team im KI-HUB. Nun soll der KI-Assistent in weiteren Bereichen im Spital zum Einsatz kommen, wo täglich viele Berichte entstehen.
Ich nehme ein Beispiel aus der Urologie: ein Patient mit Prostatakrebs. Da kommen Laborberichte, MRI, Biopsien – alles aus verschiedenen Systemen. Ein Arzt verbringt viel Zeit damit, all das zusammenzusuchen. Der KI-Assistent sucht die relevanten Informationen automatisch und erstellt daraus ein Gesamtbild: «Wo ist der Tumor, was für einer ist es, wie verhält er sich?»
Manuell. Für ein Tumorboard, in dem komplexe Fälle fachübergreifend beurteilt werden, brauchen Ärztinnen und Ärzte im Schnitt circa zehn Minuten Vorbereitung. Heute sind es Sekunden bis maximal eine Minute. Und auch die Qualität ist besser geworden: Statt etwa zu 84 Prozent sind die Unterlagen heute zu rund 97 Prozent vollständig. Die relevanten Infos sind schon da und müssen kaum noch ergänzt werden.
Ja, ich habe am USB als Unterassistent angefangen, war Assistenzarzt in der Pathologie und habe dort meine erste Software geschrieben. So bin ich zur Informatik gekommen. Meine verschiedenen Perspektiven helfen mir dabei, Software zu entwickeln, die Ärztinnen und Ärzte wirklich unterstützt.
Wir setzen dort an, wo der Nutzen im Alltag am grössten ist: bei Berichten, die häufig erstellt werden, viel Zeit brauchen und sich gut standardisieren lassen – zum Beispiel Übergaben, Austrittsberichte oder Fallbesprechungen. Erste Teams arbeiten bereits damit. Dass wir am USB so weit sind, liegt an unserer Vorarbeit: Wir haben früh unsere Daten strukturiert und in der Radiologie schon länger mit KI gearbeitet. So sehen wir heute bereits konkreten Nutzen, während andere noch am Anfang stehen.
Nein, im Gegenteil: KI soll uns nicht zusätzlichen Druck machen, sondern uns von zeitaufwendiger Dokumentationsarbeit entlasten. Wir stehen vor einer doppelten Herausforderung: Die Bevölkerung wird älter und braucht mehr medizinische Versorgung, gleichzeitig gehen viele Ärztinnen und Ärzte in Pension. Das spüren wir heute schon, und es wird sich noch verschärfen. KI ist der grösste Hebel, den wir haben, um die Mitarbeitenden zu entlasten.
Absolut. Die KI trifft keine Therapieentscheidungen und schätzt auch nicht ein, wie hoch das Risiko für eine Patientin, einen Patienten ist. Die Entscheidung liegt immer beim Menschen, das haben wir am USB bewusst so entschieden.
(überlegt) … die KI übertrifft uns in vielen Bereichen. Aber Medizin heisst auch, zwischen den Zeilen zu lesen: Wie geht es der Patientin wirklich? Was sagt sie nicht? Welche Ängste bringt sie mit? Das erfordert menschliches Urteilsvermögen.
Zu Recht. Deshalb haben wir am USB früh klare Regeln geschaffen. Da KI eine neue Technologie ist, herrscht an vielen Orten eine Art Wilder Westen. Wir waren eines der ersten Spitäler in der Schweiz mit klaren Vorgaben zu gesetzlichen Anforderungen und Datenschutz. Beim USB bleiben alle Daten im Haus, wir haben eigene Server.
Durch noch bessere Qualität. Entscheidungen basieren auf breiter abgestützten Informationen. Langfristig ermöglicht KI eine stärker individualisierte Medizin – weg von standardisierten Abläufen hin zu Therapien, die besser auf den einzelnen Menschen abgestimmt sind.
Nein, eher im Gegenteil. Wir haben Fachkräftemangel und gleichzeitig mehr Patientinnen und Patienten. KI ist der Hebel, um das aufzufangen. Sie gibt uns Zeit zurück für das, was wir eigentlich machen wollen: die Begegnung mit unseren Patientinnen und Patienten.
In der KI schlummert grosses Potenzial, um unsere medizinischen Fachpersonen von administrativen Aufgaben und der Dokumentation zu entlasten.
– Dr. Rakesh Padiyath