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Text: Jennifer Degen, Fotografie: Pino Covino

«In der Nacht ist alles echter und direkter»

Auf dem Notfall im Claraspital hat der Assistenzarzt in der Viszeralchirurgie Emil Bosshard Nachtdienst. Er trifft auf unterschiedlichste Probleme, von lebensbedrohlich bis schnell gelöst.

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Ein langsames Ankommen im Nachtdienst ist für Emil Bosshard an diesem Abend nicht möglich: Sofort setzt sich der 31-jährige Assistenzarzt an den Computer und scrollt durch CT-Aufnahmen, die soeben aus der Radiologie eingetroffen sind. Der Oberarzt informiert ihn über einen Mann, der wegen extremer Bauchschmerzen in den Notfall gekommen ist. «Selbst starke Schmerzmittel haben bisher nichts geholfen», erklärt Emil Bosshard, während er mit seinem Kollegen konzentriert auf die Bildschirme blickt, die CT-Aufnahmen vergrössert und verkleinert. Grund für die Anspannung: Der Mann hat von Geburt an eine unterbrochene Hohlvene, die Thrombosen begünstigt. Sein Bruder ist als Kind daran gestorben. «So etwas macht schon nervös», sagt Emil Bosshard besorgt.

Das Schlimmste befürchtet

Nach Rücksprache mit den Radiologen und der Oberärztin diagnostiziert das Team eine ausgeprägte Verstopfung. «Der Dickdarm ist zum Glück nicht verdreht und eine Thrombose konnten wir ausschliessen», so Emil Bosshard. Gegen Mitternacht bespricht er mit dem Patienten und seinen Angehörigen die Diagnose. Die Erleichterung ist spürbar. Er zeigt ihm anschaulich, wo in seinem Bauch sich welcher Teil des Darms befindet und wo dieser verstopft ist. «Wir verlegen Sie jetzt auf die Abteilung und versuchen, die Verstopfung mit Abführmitteln zu lösen», erklärt der Arzt.

Besorgte Angehörige

Im nächsten Zimmer wartet ein 77-jähriger Mann mit Demenz auf die Arztvisite. Er leidet unter starken Schmerzen beim Stuhlgang, die bei ihm sogar Atemnot ausgelöst haben. Seine Angehörigen schildern seine Symptome, da seine Demenz so weit fortgeschritten ist, dass er selbst keine Auskunft mehr geben kann. Emil Bosshard macht einen Ultraschall: «Ausser einer Verstopfung ist es zum Glück nichts Schlimmes», freut sich der junge Arzt. Er verschreibt eine höhere Dosis Abführmittel und der Mann kann wieder nach Hause gehen.

Sportunfall mit Kugelschreiber

Emil Bosshard ist im sechsten Jahr seiner Weiterbildung zum Facharzt für Chirurgie. Alle ein bis zwei Monate übernimmt er für eine Woche den Nachtdienst. «In der Nacht sind die Menschen oft emotionaler – alles ist ein bisschen echter und direkter», sagt er. Nachts behandelt er auf dem Notfall chirurgische Patientinnen und Patienten – nicht nur aus der Viszeralchirurgie, sondern auch aus Bereichen wie Urologie, Gynäkologie und Traumatologie. Wie zum Beispiel den jungen Hobby-Fussballer, der kurz nach Mitternacht eintrifft. Er hat sich einen Kugelschreiber in den Rücken gerammt. Als er sich beim Spiel mit Schwung auf die Bank setzte, steckte der Kugelschreiber in der Trainerjacke, die hinter ihm an der Wand hing. Bei dieser Arztvisite ist die Stimmung gelöster. Der Vater des Fussballers witzelt, während Emil Bosshard die Wunde reinigt. Auch der junge Mann nimmt es mit Humor und kann nach einer Tetanusimpfung wieder nach Hause gehen. Für Emil Bosshard hingegen ist die Nacht noch lang. Bis 8 Uhr morgens, wenn der Tagdienst übernimmt.