Interview: Annick Wangler und Alina Hoppe, Fotografie: Dirk Wetzel
«Ich operiere nicht die Pumpe, sondern den Menschen»
Prof. Hassina Baraki ist Chefärztin der Herzchirurgie. Im Operationssaal arbeitet sie mit hochpräzisen Robotern. Sie ist überzeugt: Eine erfolgreiche Herz-OP beginnt lange vor dem ersten Schnitt. Und es geht um mehr als darum, das Herz technisch zu reparieren.
1998, während meines ersten Praktikums. Bei einer Bypassoperation durfte ich das Herz halten und drehen. Dann wurde die Aortenklemme geöffnet, das Herz wieder durchblutet – und es begann spontan zu schlagen. Diesen Moment finde ich bis heute faszinierend.
Der Roboter ist eine verlängerte Hand. Er entscheidet nicht und bewegt sich nur, wenn die Chirurgin oder der Chirurg ihn bewegt. Aktuell sind wir damit für die Präparation der Brustwandarterie zugelassen. Wir sehen zehnfach vergrössert und können genauer und schonender vorgehen. Die Instrumente können sich im Patienten in alle Richtungen bewegen, wie eine sehr kleine Hand.
Bei der Brustwandarterie müssen wir die Brustwand nicht mehr anheben, um an das Gefäss zu kommen. Das kann nach der Operation weniger Schmerzen bedeuten. Wir hoffen, künftig auch weitere Eingriffe, etwa an den Herzklappen, mit dem Roboter durchführen zu können.
Eine Herzoperation greift tief in das Leben ein. Wir schauen deshalb schon vorher: Wie geht es einer Person psychisch? Hat sie Ängste? Mit dem ERAS-Konzept, das steht für Enhanced Recovery After Surgery, bereiten wir die Patientinnen und Patienten gezielt auf den Eingriff und die Zeit danach vor.
Wir wissen zum Beispiel, dass Muskeltraining vor der Operation etwas bringt. Dazu kommen Atemtraining, gesunde Ernährung oder ein Rauchstopp. Wichtig ist auch, dass die Patientinnen und Patienten wissen, was auf sie zukommt. Ein 84-Jähriger wird nach der Operation nicht wieder 18 sein – aber vielleicht hat er weniger Luftnot und gewinnt Lebensqualität zurück.
Wenn nicht nur das technische Problem gelöst ist, sondern es der Patientin oder dem Patienten danach auch gut geht. Die Durchblutung kann wiederhergestellt oder eine undichte Klappe repariert sein. Trotzdem gibt es Patienten, die nach einer Operation ständig Angst haben: Kommt das wieder? Bekomme ich noch einen Herzinfarkt? Deshalb müssen wir Herz und Hirn behandeln.
Ja. Wir wollen schon vor der Operation erkennen, wer psychologische Unterstützung braucht. Gibt es Ängste, depressive Komponenten oder posttraumatischen Stress? Diese Patientinnen und Patienten können wir gezielt begleiten. Psychische Belastungen werden in der Herzmedizin noch zu wenig berücksichtigt. Dabei halte ich diesen Aspekt für extrem wichtig.
Faktisch ist das Herz eine Pumpe, die Blut durch den Körper befördert. Kulturell verbinden wir damit sehr viel mehr: Leben, Liebe, Emotionen und Trauer. Wir sprechen nicht umsonst vom gebrochenen Herzen. Sein Pochen begleitet uns ein Leben lang.
Ich versuche vor jeder Operation, mich mit der menschlichen Seite meiner Patientinnen und Patienten zu befassen. Ich weiss meistens, wie die familiären Verhältnisse sind, was jemand beruflich macht oder welches Ziel jemand hat. Möchte er noch ein paar Jahre mit seinen Enkeln spielen? Möchte sie ihren Garten weiter pflegen? Ich operiere nicht die Pumpe, sondern Herrn Müller oder Frau Meier. Während der OP bin ich technisch extrem fokussiert. Danach befasse ich mich wieder mit der Familie und rufe die Angehörigen an.
Immer offen zu bleiben und von anderen zu lernen. Nach zehn Stunden im Operationssaal kann man betriebsblind werden. Dann hole ich einen Kollegen dazu, der vielleicht nicht erfahrener ist, aber frischer und eine andere Perspektive hat. Die Kunst in der Chirurgie ist, bis zum letzten Tag lernfähig zu bleiben.
Viele Menschen haben an mich geglaubt und mich auf meinem Weg unterstützt. Ich bin in Afghanistan geboren und habe den Grossteil meiner Kindheit in Saudi-Arabien verbracht. Meine Eltern gingen mit uns nach Deutschland, weil sie wollten, dass ihre Töchter studieren können. Das war ihr Lebensziel. Anfangs sprach ich kein Deutsch. Mein Schuldirektor ermöglichte mir trotzdem den Weg Richtung Gymnasium. Ich glaube, jeder Mensch, der neu irgendwo ankommt, braucht solche Helfer. Deshalb ist es mir heute so wichtig, junge Chirurginnen und Chirurgen zu fördern.
Am Rhein. Ich laufe gerne von der Mittleren Brücke Richtung Dreiländereck und zurück. Die Menschen, das Wasser, die Stadt – für mich ist das ein bisschen wie Urlaub.